Der Jura-Ersti – verloren auf dem Campus

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Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Jeder hat mal klein angefangen. Auch wenn wir uns das bei unseren Repetitoren, Professoren und vor allem nicht bei den Autoren unserer Lehrbücher vorstellen können, so war jeder von ihnen einmal verschüchterter Ersti mit einem nigelnagelneuen Dtv-Text in den verschwitzten Händen, der hysterisch nach Hörsaal XII suchte, wo die ach so wichtige Erstsemesterveranstaltung stattfand.

Auch du hast die typischen Erstsemesterfehler gemacht.
Vielleicht nicht jeden von ihnen, aber Jura fällt nicht vom Himmel und es wird nicht passieren, dass jemand zu dir kommt und sagt „ Das ist dein Klassenraum und von der ersten bis zur 4. Stunde gibt es BGB, dann ist große Pause, dann kommt noch eine Stunde StGB und dann kannst du nach Hause gehen.“

Was wir schnell vergessen ist, dass der Weg von der Schule in die Universität gar nicht so leicht war und dass es viele Irrtümer gab, die im Nachhinein peinlich erscheinen, viele Fragen, von denen wir erleichtert waren, dass ein anderer sie gestellt hat und viele Orte, die wir bis heute nicht gefunden haben.

Der erste Tag

Nach über fünf Monaten ohne einen schulischen Alltag stehst du plötzlich da. Umringt von orientierungslosen Erstsemestern aller Couleur vor einem Hörsaal, in dem man sein eigenes Echo hören könnte, vorausgesetzt man wäre alleine.
Neben dir stecken sich die anderen Mädels ihre Perlenkette über den typisch karierten Schal und zupfen ihre Segelschuhe zurecht. „Wir müssen juristisch aussehen.“ kichern sie sich gegenseitig zu. Dass „juristisch aussehen“ weniger mit Perlenketten und mehr mit tiefen Augenringen und Handgelenkstützschienen gegen Sehnenscheidenentzündung zu tun hat, werden sie noch lernen.
Die Informationsveranstaltung beginnt mit dem üblichen Witz des Dekans.
„Sehen Sie links neben sich und sehen Sie rechts neben sich. Ihre Sitznachbarn werden am Ende des Studiums nicht mehr da sein.“ Lautes Lachen erfüllt den Hörsaal, kann ja keiner ahnen, dass das kein Witz, sondern eine Prophezeiung sein sollte.

Am Ende der Veranstaltung heißt es: „ Gibt es noch Fragen von Ihrer Seite aus?“ Natürlich gibt es die, zuhauf. Aber wer ist so blöd und stellt sie vor einem Publikum von 700 wildfremden Menschen?

Ah, der Kerl in der ersten Reihe, der im Anzug gekommen ist. Er wird dir noch öfters über den Weg laufen und in jeder Vorlesung ein gemütliches Zwiegespräch mit dem Professor führen, aber das weißt du noch nicht.
Er fragt „Wann kriege ich meinen Stundenplan zugeschickt?“ Betretenes Schweigen, ein paar Leute kichern, die anderen sind erleichtert, weil sie seit Tagen panisch alle fünf Minuten in ihre elektronischen und manuellen Postfächer gucken und noch keinen Stundenplan erhalten haben.
„Den müssen sie sich selbst zusammenstellen.“, ist vermutlich nicht die Antwort, die ein 17-jähriger Abiturient, der sich nicht einmal selbst immatrikulieren durfte, hören möchte.

ÜBERLASSE DEINE MÜNDLICHE PRÜFUNG NICHT DEM ZUFALL!

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Im Folgenden gehen bei Fachschaften und universitären Beratungsstellen Unmengen an Screenshots von zusammengebastelten Stundenplänen mit der Bitte um Absegnung ein, frei nach der Devise „ Was gut klingt, muss gut sein“. So belegen Erstsemester nicht nur sämtliche Grundlagenfächer, sondern neben HGB und Arbeitsrecht auch Sachenrecht, weil das so interessant klang und es eine Lücke im Stundenplan gab.
Dass es diese Lücken nicht zwangsläufig zu füllen gilt und wenn überhaupt, dann mit Leben und Freizeit, werden sie noch lernen.

Weitere Fragen kommen auf. Was ist diese Zwischenprüfung, wann muss ich die schreiben?

Was sind das für komische rote Bücher mit dem dünnen Butterbrotpapier und soll ich mir am Besten im ersten Semester schon einen zulegen? Muss ich diesen Gutachtenstil schon bei der ersten Klausur können oder reicht das, wenn ich den bis zum Examen halbwegs drauf habe?
Das sind alles Fragen, die ein oder zwei Semester später schon banal erscheinen können und jeder wird sich an die ersten peinlichen Irrtümer erinnern, die ihm unterlaufen sind.

Nur ist halt nicht jeder so forsch, vor 200 Mann zu fragen, warum die Literatur denn mit einer schwedischen Kleiderkette argumentiert und ob dies keine Schleichwerbung in jedem Skript oder Lehrbuch sei.

Es wird nicht jeder auf die Idee kommen, in der ersten Probeklausur einen Eigentumsübergang nach § 433 BGB zu prüfen. Es wird auch nicht jeder in seiner ersten Hausarbeit nur ein Lehrbuch und ansonsten das BGB zitieren und beide auch noch stolz ins Literaturverzeichnis schreiben, um das dann mit der Erwartung abzugeben, eine Prädikatsleistung erbracht zu haben.
Aber jeder von uns hatte zu Beginn Schwierigkeiten und Unklarheiten, die nun nicht mehr da sind.

Jeder von uns wusste einmal nicht, wo der AG-Raum ist oder welches Tutorium wann stattfindet, ob man sich zu Veranstaltungen anmelden muss und was es denn mit den komischen Noten auf sich hat.

Aber man wächst mit seinen Herausforderungen und es ist nun einmal die erste Hürde, die du nehmen musst. Du siehst ältere Semester über dich lachen, amüsierst vielleicht diejenigen, denen du diese „dummen“ Fragen stellst. Aber nur ein Semester später werden die nächsten kommen und du wirst dich an deine Hilflosigkeit erinnern und an den Weg, den du schon gegangen bist. Vielleicht wirst du über sie lachen. Vielleicht wirst du ihnen aber auch einfach erklären, dass h.M. Nichts mit Mode zu tun hat.

Wenn also in den nächsten Wochen die Erstis mit den Vollmächten ihrer Erziehungsberechtigten an die Unis strömen, um sich zu immatrikulieren, hab Verständnis und sei lieb zu ihnen.
Denn sie wissen nicht was sie tun.