Der juristische Konkurrenzkampf und seine psychischen Auswirkungen

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Die besten Noten, das angesehenste Praktikum, die höchste Gunst der Lehrenden – nirgendwo ist Konkurrenzkampf so präsent wie im Jurastudium. Klar, leuchtende Berufsaussichten haben eben nun mal die Besten, aber wie viel Konkurrenz ist eigentlich gesund?

„Schauen Sie sich Ihre Nachbarn links und rechts von sich genau an. Nur einer von Ihnen dreien wird am Schluss erfolgreich sein“

Erster Sinn für Konkurrenzkampf wird bereits früh gesät: Die Erstsemester finden sich im Hörsaal ein und werden vom Professor mit den Worten „Schauen Sie sich Ihre Nachbarn links und rechts von sich genau an. Nur einer von Ihnen dreien wird am Schluss erfolgreich sein“ begrüßt.

In der Rechtswissenschaftlichen Bibliothek in den letzten Tagen vor Abgabe der Hauarbeiten: Bücher werden vor Kommilitonen versteckt, manchmal werden ganze Seiten herausgerissen oder gar angemalt, um ja den anderen die Chance auf eine erfolgreiche Arbeit zu verwehren. So ein Verhalten ist an den deutschen Universitäten mittlerweile zum Alltag geworden. Der Zusammenhalt unter den Studenten schwindet, die Konkurrenz wächst.

Die „Ellenbogenmentalität“ fängt bei banalen Sachen wie dem Verstecken von Büchern an und geht über heimliches Kopieren der Hausarbeiten anderer, wenn die gerade ihren Laptop unbeaufsichtigt lassen, zu Psychotricks, um andere während Klausuren zu verunsichern. Repetitoren raten in ihren Vorbereitungskursen vor dem Examen sogar gelegentlich zu letzterem. So sollte man, sobald eine Klausur ausgeteilt wurde, bereits sehr siegessicher und souverän wirken, auch wenn man keine Ahnung hat, wie man die Lösung angehen soll.

Falsche Antworten vor sich hinzumurmeln, erzielt ebenfalls den gewünschten Effekt. Die Verunsicherung der Kommilitonen hat zu Folge, dass diese schlechter abschneiden, wodurch die eigene Endnote noch einmal nach oben gewertet wird.

Auslöser eines solch starken Konkurrenzkampfes sind die wenigen guten, so begehrten Jobs nach dem Examen. Viele Juristen wollen in den Staatdienst. Außerdem studiert man viel länger, als in anderen Bachelor-Studiengängen, da will man natürlich der Beste sein.

Ein weiterer Grund ist die wachsende Enge an den Universitäten. 2,5 Millionen junge Menschen sind an den deutschen Unis mittlerweile immatrikuliert, so viele waren es noch nie. Grund dafür sind die doppelten Abiturjahrgänge sowie die Sorge, ohne akademischen Abschluss keinen guten Job zu bekommen. Dies bewirkt neben überfüllten Vorlesungen und Bibliotheken auch Dozenten, die sich weniger Zeit für den einzelnen Studenten nehmen können.

Mit einem der anspruchsvollsten Studienfächer überhaupt muss man in Jura sowieso schon der langanhaltenden psychischen Dauerbelastung durch Stress, Erschöpfung und Angst standhalten. Was dieser überhöhte Konkurrenzkampf darüber hinaus für Folgen hat, zeigt sich ebenfalls vor allem auf psychischer Ebene. Oft zerbrechen Freundschaften durch ständige Leistungsvergleiche, man kämpft mit der Zeit nur noch für sich allein, manche Studenten schließen vorausschauend erst gar keine Freundschaften.

Untersuchungen der Universität Konstanz ergaben, dass bereits jeder siebte Student unter dem Konkurrenzdruck leidet. Fünf Prozent gaben an, der akademische Wettkampf bereite ihnen große Probleme und erschwere das Studium. Uni-Psychologen beobachteten, dass die meisten ihrer Studenten nicht mehr wegen Schwierigkeiten mit der Familie oder dem Partner zu ihnen kommen, sondern dass es in erster Linie aufgrund des Konkurrenzdrucks der Fall ist. Schon viele sind unter zu großem Druck zusammengebrochen und mussten einsehen, dass sie ihr ersehntes Diplom auf diese Weise überhaupt nicht in den Händen halten werden.

Zahl der psychischen Erkrankungen steigt

Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist stark gestiegen. Schlaflosigkeit sowie sozialer Rückzug und Einsamkeit sind neben allgemeiner Ruhelosigkeit und ständiger Anspannung keine Seltenheit. In den schlimmsten Fällen treten starke Angststörungen und Depressionen auf und auch Zwangs- und Essstörungen sowie Suchtproblematiken auf.

Die Psychologen raten, dass Studierende nur ihr gewünschtes Ziel erreichen, wenn sie den Weg dorthin so gehen, wie ihre persönlichen Ressourcen es erlauben. Verschiedene Studenten haben eben verschiedene Voraussetzungen. Daher müssen sie ihre eigenen Maßstäbe anlegen und ihr eigenes Tempo finden. Freundschaft ist außerdem wichtig.

Im Hörsaal geknüpfte Kontakte können später durchaus von Nutzen sein. Wer sich gegenseitig mit Skripten aushilft, Bücher ausleiht und Tipps zu Hausarbeiten gibt, hat nicht nur weniger Arbeit, sondern auch mehr Spaß. Zudem ist er am Ende sogar besser. Denn statt sich im Konkurrenzkampf zu verausgaben, kann er sich mit den Kommilitonen verbünden und seine Schwächen durch deren Stärken ausgleichen.

Vielleicht kommt man über eine Bekanntschaft auch an einen vorteilhaften Job oder ein erfahrungsreiches Praktikum.

Fazit: Nicht alle Juristen, die sich also gegenseitig die Bücher verstecken, werden in den Nachtschichten manch einer Großkanzlei glücklich, und für die, die es werden, gibt es mehr als eine Großkanzlei.

 


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