Die Vielfalt des Schwerpunkts Teil X – „Strafjustiz und Kriminologie“

Mihriban Gül hat sich im Rahmen ihres Studiums für den Schwerpunktbereich "Strafjustiz und Kriminologie"(Uni Gießen) entschieden und stellt ihn uns nun vor.

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Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, euch die Vorzüge des juristischen Schwerpunktstudiums nahezubringen. Nicht, indem wir Vor- und Nachteile aufzählen, sondern indem wir euch die Vielfalt des Schwerpunktes zeigen.

Das gesamte Studium über lernen wir das Gleiche, eine Möglichkeit, Alleinstellungsmerkmale zu erwerben, besteht meist nur außerhalb der universitären Veranstaltungen, die Prüfungsinhalt der ersten Pflichtfachprüfung sind.

Der Schwerpunkt bietet die Möglichkeit, praxisnah neue Fertigkeiten zu erwerben und sich intensiv mit einem neuen (vielleicht Rand)Gebiet zu befassen.
Aus diesem Grund werden wir euch in dieser Reihe exotische und interessante Schwerpunktbereiche aus ganz Deutschland vorstellen.

Schwerpunktbereich „Strafjustiz und Kriminologie“

Weiter geht es mit einem weiteren interessanten Schwerpunkt aus dem Bereich Strafrecht. Mihriban Gül hat sich im Rahmen ihres Studiums an der Justus-Liebig-Universität Gießen für den Schwerpunktbereich „Strafjustiz und Kriminologie“ entschieden und stellt ihn uns nun vor.

 

Mihriban Gül
Mihriban Gül

Welchen Schwerpunkt hast du gewählt und aus welchem Grund?

Ich habe den Schwerpunktbereich „Strafjustiz und Kriminologie“ gewählt. Bereits zu Beginn des Studiums, als ich in der Kriminologie Vorlesung saß, stand für mich fest, dass ich im Strafrecht meinen Schwerpunkt setzen werde. Ich war begeistert von der Vielfalt des Strafrechts, hatte aber auch schon vor dem Studium großes Interesse an der Kriminologie. Daher fiel die Entscheidung später sehr schnell.

Welche Leistungen muss man an deiner Fakultät erbringen, um das Schwerpunktzeugnis zu kriegen? Wie sind die Erfordernisse?

An der Justus-Liebig-Universität Gießen besteht der Schwerpunktbereich aus drei Modulen: Pflichtveranstaltungen, Wahlveranstaltungen und Seminarveranstaltungen. Für den Erhalt des Schwerpunktbereichszeugnisses muss man diese Veranstaltungen besuchen, eine Seminararbeit schreiben und einen mündlichen Vortrag über das Thema der Seminararbeit halten. Abschließend wird noch eine Examenshausarbeit geschrieben und eine mündliche Prüfung absolviert, die die Themen aus den Pflicht- und Wahlveranstaltungen beinhaltet.

Wie beliebt ist dein Schwerpunkt?

Ich denke, dass der Schwerpunktbereich im Strafrecht an der Justus-Liebig-Universität sehr beliebt ist. Das Angebot an Seminar- und Wahlveranstaltungen, die teilweise interdisziplinär ausgerichtet sind, ist vielfältig und geben die Möglichkeit, in Bereiche reinzuschnuppern, zu denen man sonst als Student keinen Zugang hat. Mittlerweile gibt es für manche Seminarveranstaltungen Zugangsvoraussetzungen, beispielweise die Noten in den strafrechtlichen Klausuren oder eine kurze Angabe darüber, warum man ein bestimmtes Seminar belegen möchte. Dies liegt mit Sicherheit auch daran, dass in diesem Schwerpunktbereich großer Andrang herrscht.

Wie ist die Betreuungssituation? Sind Praktiker eingebunden?

Die Betreuungssituation ist sehr gut. Unsere Professoren haben für unsere Studenten immer ein offenes Ohr. Sollte es mal Probleme innerhalb des Schwerpunktbereiches geben, beispielsweise, wenn man ein Seminar wiederholen muss, nehmen sie sich die Zeit, um den Studenten, passend zu ihren individuellen Stärken, bei der Suche nach einem anderen Seminar zu helfen. Es wird sehr viel Wert auf Praxisbezug gelegt, nicht zuletzt dadurch, dass viele Praktiker an der Lehre beteiligt sind, was sich letztendlich auch am Aufbau der verschiedenen Seminarveranstaltungen widerspiegelt. Darüber hinaus findet regelmäßig am Fachbereich Rechtswissenschaften das kriminologische Praktikerseminar statt, bei dem Praktiker aus vielen Fachbereichen zusammenkommen und interdisziplinäre Vorträge gehalten werden.

Welche Veranstaltung hat dich besonders gereizt? Was war eine Besonderheit an deinem Schwerpunkt, die diesen von anderen SPB abhebt?

Das Seminar „Forensische Psychiatrie und Psychologie“ hat mich besonders gereizt, da ich während meines vorangegangenen Medizinstudiums als studentische Aushilfskraft in der Psychiatrie gearbeitet habe und dadurch praktische Erfahrung in diesem Bereich hatte. In dem Jahr, in dem ich das Seminar belegt habe, wurde es zum ersten Mal angeboten, dadurch war der Andrang sehr groß. Auch gab es die Möglichkeit, dass Studenten aus den Fachbereichen Medizin und Psychologie daran teilnehmen konnten.

Ich selbst habe dann ein medizinisches Thema und eine Psychologiestudentin ein psychologisches Thema gehabt. Der Rest der Seminarteilnehmer waren Studenten der Rechtswissenschaften, die dann juristische Themen bearbeitet haben. Dies war zum einen für mich und die Psychologiestudentin ein großer Vorteil die Veranstaltung mit einem Vortrag über psychische und psychiatrische Erkrankungen zu eröffnen und für die anderen war es ein guter Einstieg in die Thematik, da sie noch keine Erfahrungen in diesem Bereich gemacht hatten. Und genau das war das Besondere:

Das interdisziplinäre Arbeiten und das Lernen voneinander, um letztendlich einen Weitblick für Zusammenhänge zu bekommen. Besonders hervorheben möchte ich, dass wir während des Seminars einige Veranstaltungen außerhalb der Universität hatten:

Wir haben den psychiatrischen Maßregelvollzug (für Erwachsene und für Jugendliche/Heranwachsende) besucht, eine Führung bekommen und mit Patienten gesprochen.

Dann gab es noch einen Termin in der Justizvollzugsanstalt und beim ambulanten Projekt „liebig9“, eine Beratungsstelle, die sexuell übergriffige Jungen und Mädchen betreut. Dadurch war das Seminar sehr praxisnah.

Wie schätzt du den Praxisbezug ein/ wie die Examensrelevanz und wie die Relevanz für das Referendariat?

Die Examensrelevanz ist bezüglich der Pflichtveranstaltungen sehr hoch, wobei der Großteil der Seminar- und Wahlveranstaltungen nicht examensrelevant ist, da sie zu speziell und nur für den Schwerpunktbereich relevant sind. Das ist aber in den anderen Schwerpunktbereichen höchstwahrscheinlich auch der Fall. Was den Praxisbezug betrifft, kann ich auf die vorherige Frage verweisen.

Für mich war der Schwerpunktbereich ausschlaggebend für meine spätere Tätigkeit. Ich habe nach dem Seminar als studentische Aushilfskraft in der Amokforschung mitwirken dürfen und habe dort zusätzlich praktische Erfahrung in der forensischen Psychiatrie sammeln können. Schließlich habe ich erst durch den Schwerpunktbereich die Entscheidung getroffen, nach dem Studium im interdisziplinären Bereich der forensischen Psychiatrie meinen beruflichen Schwerpunkt zu setzen.

Was gefällt dir an deinem Schwerpunktbereich? Wo siehst du Verbesserungsbedarf?

Wie schon oft erwähnt, finde ich das interdisziplinäre Arbeiten, die Vielfalt an Veranstaltungen und den Praxisbezug in diesem Schwerpunktbereich sehr gut. Das Strafrecht ist sehr lebensnah, wodurch mir das Lernen leichter fiel.

Verbesserungsbedarf sehe ich dahingehend, dass der Schwerpunktbereich nicht in der Kritik stehen sollte, wie kürzlich, als darüber debattiert wurde, die Schwerpunktbereichsnote von 30% auf 20% der Gesamtnote der Ersten Juristischen Staatsprüfung zu senken oder den Schwerpunkt sogar komplett abzuschaffen.

Ich denke, dass die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Schwerpunktbereiches verkannt wird. Gerade im Schwerpunktbereich hat man die Chance wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen, denn das ganze Studium über beschäftigt man sich größtenteils mit Falllösungen. Die Arbeiten im Schwerpunktbereich können durchaus wichtig sein, wenn man später promovieren möchte.

Eine gute Note in den Seminar- bzw. Examenshausarbeiten ist für den einen oder anderen sogar ein Grundstein für eine spätere Promotion. Zum einen können so die Lehrenden, die eine Doktorandenstelle anbieten, anhand dieser Arbeiten besonders hervorstechende Studenten ansprechen, zum anderen erkennen viele Studierende erst durch den Schwerpunktbereich ihre Leidenschaft zum wissenschaftlichen Arbeiten.

Meiner Meinung nach ist der Schwerpunktbereich erforderlich, damit jeder seine individuellen Stärken und Fähigkeiten ausbauen und eine bessere Entscheidung für den späteren Berufsweg durch Einblicke in die Praxis treffen kann.


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