Erfolgreich lernen

Teil 1 – Erfolgreich Jura lernen

von Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski – aus „Jura richtig lernen“, das ultimative bewährte Lernkonzept für das Jurastudium, die Examensklausuren und die mündliche Prüfung.

Keine Details, sondern Zusammenhänge
Wenn Sie eine Norm gedanklich erarbeiten, so lernen Sie sie bitte nicht nur auswendig, sondern stellen Sie sich die Frage, in welchem Zusammenhang die Norm steht und warum es sie überhaupt gibt. Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass kein einziges Wort in einer Norm überflüssig ist. Und es gibt eine zweite Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Norm wirklich einen Anwendungsbereich hat, auch dann, wenn Sie ihn vielleicht noch nicht begriffen haben. Diesen Anwendungsbereich, d.h. den Zusammenhang der Norm zu anderen Normen, müssen Sie versuchen herauszubekommen.

Denken Sie selbst
Die Fülle an Nachweisen und Meinungen verdeckt in der Jurisprudenz häufig die Tatsache, dass Sie meist bei eigenem Nachdenken auf die gleichen Ideen gekommen wären, die andere vor Ihnen schon hatten. Natürlich ist es richtig, auf das Vorwissen zurückzugreifen, aber es darf nicht dazu führen, dass Sie sich womöglich nicht mehr trauen, selbst zu denken. Im Gegenteil: Versuchen Sie erst Ihre eigene Lösung zu finden, danach prüfen Sie, wie andere mit dem Problem umgegangen sind. Dadurch werden Sie nicht nur außerordentlich schnell und effizient, sondern vor allem selbstsicher im Umgang mit juristischen Lösungen.

Das Vorlesungskonzept
Vorschlag: Kernaussagen der Vorlesung auf Karteikarten mitschreiben, vorn die Frage, auf der Rückseite die Antwort. Und unbedingt Entscheidungshinweise mitschreiben. In den Vorlesungen werden regelmäßig wenige Entscheidungen zitiert. Diese sind dann fast immer grundlegend wichtig. Versuchen Sie sich die Zeit zu nehmen, diese Entscheidungen im Laufe des Tages nach der Vorlesung herauszusuchen, zu kopieren und am Nachmittag oder Abend zu lesen. Übertragen Sie auch diese: Zuerst der knappe Sachverhalt, dann die knappe Lösung. Dadurch entsteht im Laufe der Zeit eine Sammlung ganz wichtiger zentraler Fälle, die Sie in kürzester Form wiederholen können. Darüber hinaus lernen Sie über praktische Fälle die Realität der Rechtsanwendung kennen und üben sich gleichzeitig im Erfassen komplexer Sachverhalte. Es ist nämlich nicht ganz einfach, aus den vielen Erwägungen, die ein Urteil regel- mäßig begleiten, diejenigen herauszufiltern, die zentral für die Lösung eines Falles sind.

Das Selbstlernkonzept
Vieles von dem, was Sie später können müssen, erarbeiten Sie sich selbst. Vorlesungen, Übungen und Seminare sind nur ein Teil Ihres Studiums. Sie brauchen also ein Selbstlernkonzept. Sie brauchen dieses Konzept möglichst früh, damit Sie überflüssige Wiederholungen vermeiden und Sie brauchen ein möglichst effizientes Konzept, weil Sie wenig Zeit haben. Schließlich sollte Ihr Leben nicht nur aus Juristerei bestehen.
Vorschlag: Karteikartensystem in Form von Fragen (vorn) und Antworten (hinten) – geht auch am Laptop!.
Grundgedanke: Lesen Sie nichts, ohne den Willen zu haben, den Kern dessen, was Sie lesen, zu notieren. Wenn Sie der Meinung sind, dass das, was Sie lesen, wichtig ist, so formulieren Sie eine Frage (diese schreiben Sie auf die Vorderseite Ihrer Karteikarten) und notieren Sie sodann die Antwort kurz auf die Rückseite.
Folge: Sie sind automatisch voll konzentriert, Sie wissen sofort, wann Sie wegen Müdigkeit aufhören sollten, weil Sie offensichtlich nicht in der Lage sind, den Text zu erfassen; Sie denken selbst, d.h. Sie werden Teil der Materie, die Sie durcharbeiten; Sie können sich leicht in Zukunft selbst abfragen, ebenso wie Sie sich leicht abfragen lassen können; und: Sie können den Erfolg ihrer Tätigkeit quantifizieren. Hinweis: Karteikartengeordnetes Wissen kann man auch kaufen. Es gibt sehr gute Systeme, und ich würde Ihnen auf keinen Fall abraten, sich mit ihnen vertraut zu machen. Wichtig ist aber, dass diese Systeme Ihr eigenes, von Ihnen selbst erarbeitetes Karteikartensystem zwar ergänzen, nicht aber ersetzen können.
Und ein letzter Hinweis: Arbeiten Sie so früh es geht mit anderen zusammen. Bilden Sie Arbeitsgruppen aus mindestens zwei bis höchsten fünf Personen. Treffen Sie sich pro Woche etwa zweimal für etwa zwei Stunden. Legen Sie vorher fest, in welchen Bereichen Sie arbeiten wollen und benutzen Sie ihre Karteikarten, um sich gegenseitig abzufragen. Diskutieren Sie Fragen nur kurz und knapp, so dass Sie Ihr Arbeitsprogramm wirklich schaffen. Versuchen Sie sich dabei vorzustellen, Sie würden eine Arbeitssitzung eines Seminars leiten. Sie disziplinieren sich auf diese Weise, werden beim Erfassen der wesentlichen Fragen eines Problems schnell und sicher und vor allem: Sie haben noch genügend Zeit zum ausgiebigen Kaffeetrinken. Notieren Sie sich diejenigen Fra- gen, die sie während der Arbeitssitzung nicht beantworten konnten; lösen Sie sie am nächsten Tag und erfassen Sie sie in Ihrem Karteisystem.

Jura Lernsoftware „IURLEXICO“

Aufbauend auf diesen Gedanken zum Selbstlernkonzept und weiteren Grundlegenden Erkenntnissen über das systematische Lernen, haben Iurratio und ich zusammen die Jura Lernsoftware „IURLEXICO“ entwickelt:

Hier geht`s direkt zur Lernsoftware IURLEXICO

Die Lernsoftware IURLEXICO ist vor allem eine mentale Übung um das wichtigste Rüstzeug – die Beherrschung der Gesetze – zu erlangen und regelmäßig aufzufrischen. Mit mentalen Übungen bezeichnet man systematisches Lernen, so wie es der Neuroplastologe Alvaro Pasqual-Leone herausfand, der 1991 in Valencia, Spanien, geboren wurde und heute in den Vereinigten Staaten lebt und forscht. Pascual-Leone machte ein Experiment mit Leuten, die Klavier spielen lernen sollten. Die eine Gruppe lernte direkt am Klavier und die andere stellte sich vor, die Tonfolgen zu spielen und zu hören. Nach fünf Tagen gab es eine ziemlich große Überraschung – die Gehirnkarten und Bewegungssignale hatten sich bei sämtlichen Teilnehmern in gleicher Weise gewandelt – die eingebildeten Pianisten spielten nach fünf Tagen fast genauso gut, wie die „tatsächlichen“ Pianisten am dritten Tage. Sie bekamen dann noch eine zweistündige physische Lehrstunde und erreichten innerhalb dieser Zeit das Niveau, das die physische Gruppe ihrerseits nach fünf Tagen hatte. Offenbar sind mentale Übungen sehr wirkungsvolle Vorbereitungen, um tatsächliche Fähigkeiten mit minimalem Aufwand zu erlernen (wenn Sie hierzu mehr wissen wollen, dann lesen Sie das hervorragende Sachbuch von Norman Doidge, Neustart im Kopf, Campus- Verlag, 2. Aufl. 2014). Sehr ähnlich bereiten sich große Schach-Spieler auf die Wettkämpfe vor. Sie stellen sich das Brett und die Figuren vor und spielen „Blind Schach“. Auch der berühmte Pianist Glenn Gould verließ sich, wie Norman Doidge berichtet (S. 204) gegen Ende seiner Karriere fast ausschließlich auf mentale Übungen, um sich auf seine Plattenaufnahmen vorzubereiten.

Die Erfolge systematischer mentaler Übungen sind, das zeigen die Versuche der Forscher, frappierend.
Der Jura-Lernsoftware liegt die Idee des systematischen Lernens im Wege einer mentalen Übung zugrunde. Das Instrument, auf dem Juristen/innen spielen (müssen), sind die in Gesetze gegossenen Regeln. Man kann sich das BGB also gut auch als „Klavier“ vorstellen. Hinter den Tasten liegen ganz bestimmte Regelungen – einige von ihnen sind besonders wichtig, andere werden seltener gebraucht, wie etwa die Quinte oder die Septime. Aber: Genauso wie beim Klavierspiel ist eines absolut essentiell: Wenn man nicht weiß, welcher Ton sich hinter einer Taste verbirgt, kann man beim allerbesten Willen nicht Klavier spielen. Wenn man nicht weiß, welche Regeln es im BGB eigentlich gibt, so wird man nie in der Lage sein, auch nur irgendeinen Fall zu lösen, egal, wie einfach oder schwer er ist. Beherrscht man aber umgekehrt die Tastatur, weiß man, wo sich die Töne des Bürgerlichen Rechts befinden, so kann man nun beginnen, erste kleine Sonaten oder Tonleitern oder Fugen oder Akkordfolgen zu spielen oder auch zu improvisieren.

Für den Pianisten ist es also zunächst einmal von grundlegender Bedeutung zu wissen, welche Töne sich hinter welchen Tasten an welcher Stelle befinden. Dann muss er diese Töne noch den Noten zuordnen können, die vor ihm stehen und danach kann er erstmals beginnen etwas zu spielen, was im Juristendeutsch Falllösung heißen würde. Für die Juristen sind die Regeln – beispielsweise im Bürgerlichen oder im Strafgesetzbuch oder im Grundgesetz – die Tasten. Hinter den einzelnen Normen verbergen sich Gebote oder Verbote oder Rechtsfolgen oder Ordnungsprinzipien. Der Pianist subsumiert die Note, indem er den dazu gehörenden Ton erklingen lässt und die Art und Weise, mit welcher Kraft, mit welcher Geschwindigkeit, mit welcher Rhythmik und mit welcher Emotionalität er dies tut, gibt uns einen Hinweis auf seine Virtuosität. Am Anfang klingt alles holprig und hölzern, später dann elegant und einschmeichelnd.

Sehr ähnlich ist es bei den Juristen. Der Blick auf den Sachverhalt eröffnet die Möglichkeit der Subsumtion unter die Normen und die Art und Weise, wie diese Unterordnung und Subsumtion erfolgt, legt Zeugnis über das Stadium ab, in dem sich der Rechtsanwender jeweils befindet. So sind die Formulierungen zu Beginn der ersten Falllösungen noch unbeholfen, tastend. Später, wenn man eine Vielzahl von Fällen gelöst und sie beispielsweise in Schriftsätze oder Urteile umgegossen hat, entsteht eine Sicherheit und Eleganz, die nur noch schwach erahnen lässt, wie mühselig es war, sich zunächst einmal die Tastatur zu erarbeiten.

Eines aber steht fest: Die Tasten des Klaviers sind für den Pianisten das ein und alles. Ohne diese Tastatur entsteht keine Klaviermusik. Die Tastatur muss stimmig sein und je besser das Piano ist, in dem die Saiten verankert sind, desto schöner wird später die Musik klingen.
Für den Pianisten ist völlig klar, dass er bestimmte Töne sehr oft benutzt, andere seltener, aber beherrschen muss er jeden Ton und jede Taste, sonst kann er/sie nicht spielen.

Genauso ist es nach meinem Eindruck in der Rechtswissenschaft. Wir können Fälle lösen, aber nur dann, wenn wir die zugrunde liegenden Regeln und die sie ausfüllenden Tatbestandsmerkmale kennen. Fehlt uns eine Regel, so wird die Falllösung automatisch falsch sein. Es ist so, als wenn beim Piano einige Töne einfach fehlen würden. Der virtuoseste Pianospieler kann auf einem Klavier, bei dem einige Töne fehlen, einfach nicht gut spielen – es kommt nur Mist heraus.

Und genauso ist es auch in der Juristerei. Der schönste Intelligenzquotient hilft nicht darüber hinweg, wenn Sie eine oder zwei Regeln nicht kennen, die Sie für die Falllösung brauchen. Sie können auf der Grundlage unvollständiger Regelsysteme wundervolle Theorien und Lösungsgebäude entwickeln – tatsächlich wird das Gebäude aber sofort zusammenstürzen, wenn Sie auch nur ein einziges mal drantippen, einfach deshalb, weil einige Stützpfeiler fehlen.

Diese Erkenntnis ist so grundlegend, dass man eigentlich gar nicht darüber reden muss. Nur: In der Juristerei hat sich eine Art Lernkodex (mit Hilfe von Repetitorien) durchgesetzt, bei dem allgemein davon ausgegangen wird, dass jeder die Tastatur des Rechtes kennt. Ausgehend von dieser Annahme kann man dann in Form von Repetitorien Fälle miteinander lösen. Dummerweise haben nur diejenigen, die die Tastatur nicht oder nur bruchstückhaft beherrschen, praktisch gar keine Chance die Fälle zu verstehen. Sie beginnen zu schwimmen, sie fühlen sich überfordert, je länger und je öfter sie Fälle versuchen zu lösen, desto schwieriger wird es, den Lernstoff irgendwie sinnvoll im Gehirn zu verankern – man findet die Stelle nicht, an der man ankern sollte und müsste. Man kann sie auch nicht finden, weil man die Tastatur nicht kennt, die man gerade bedienen muss.

Hieran können Sie ermessen, wie wichtig das Handwerkszeug für Ihre Arbeit ist. Sie können so viele Fälle lösen, wie Sie wollen und so viele Theorien lernen, wie sie möchten – sie werden dadurch nicht zu einem guten Juristen oder zu einer guten Juristin werden. Erst dann, wenn Sie die Tastatur des Handwerks, also die Regeln beherrschen, die Sie anwenden sollen und müssen, wird sich das Blatt grundlegend wenden.

Zunächst einmal werden Sie sicher sein, in dem was sie tun. Niemand kann Ihnen mehr ein X für ein U vormachen, denn Sie wissen ja, dass Sie mit dem Handwerkszeug arbeiten, das für die Fallbearbeitung nötig ist. Wenn jemand behauptet, irgendetwas in Ihrer Lösung sei nicht richtig, dann werden Sie ihn fragen, ob er möglicherweise eine Regel, die Sie verwenden, übersehen hat oder eine hinzugefügt hat, die es gar nicht gibt. Sie werden auch sehr schnell wissen, an welcher Stelle jemand Ihre Lösung in Frage stellt und sie werden innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums abschätzen können, ob das Argument tatsächlich Ihre gesamte Falllösung zum Einsturz bringen könnte oder ob Ihr Kritiker sich das nur einbildet. Vor allem aber werden Sie in der Lage sein, eine Fülle von Details in das Handwerkszeug einzuordnen, die zur Zeit noch in Ihrem Gehirnskasten frei herumschweben und nach irgendeinem Zuordnungspunkt suchen.
Wenn Sie erst einmal das Grundtatbestandsmerkmal ausfindig gemacht haben, um das es jeweils geht, dann werden Sie die daraus folgenden Ableitungen und Differenzierungen ohne Schwierigkeiten entwickeln und aufrufen können. Sie werden zum ersten Mal erleben, dass Sie mit dem System, in dem Sie sich bewegen „spielerisch“ umgehen können. Wenn Sie den einen Systembaustein nach links und den anderen nach rechts verrücken, dann werden Sie sofort merken und wissen, welche Auswirkungen das auf die anderen Systembausteine hat, die Sie für Ihre jeweilige Falllösung aufrufen. Je länger Sie auf diese Weise arbeiten, desto einfacher wird es Ihnen fallen, die Muster von Falllösungen wie selbstverständlich in Ihrem Kopf aufzurufen. Ihr Kopf speichert diese Muster nämlich ab. Aber: Bevor Sie beginnen zu spielen, bevor Sie beginnen Muster zu bilden, bevor Sie mit Argumenten Ihre Tatbestandsmerkmale hin- und herschieben und verändern, müssen Sie als allererstes die Tastatur erlernen, auf der Sie spielen wollen, das heißt es bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als das BGB oder das Strafgesetzbuch oder das Grundgesetz oder die Zivilprozessordnung oder irgendein anderes Gesetz aufzuschlagen und sich selbst zu fragen, ob Sie wohl wissen, was dort alles so geregelt ist.
Es ist schon klar, dass Sie von den 80.000 Normen, die wir zur Zeit in unserer Rechtsordnung haben, nur einen Bruchteil präsent haben müssen. Ich vermute, dass Sie für das Staatsexamen etwa 4.000-5.000 Normen aktiv benötigen und eine der nicht ganz unwichtigen Fragen ist die, wie man die Auswahl so trifft, dass Sie am Schluss sagen können, ich kann im Staatsexamen genau die Regeln in mir abrufen, die man benötigt, um ein Staatsexamen möglichst gut abzuschließen.
Meine Antwort hierauf ist relativ schlicht. Nehmen Sie bitte den Standardkommentar des Rechtsgebietes in die Hand, das Sie vorbereiten wollen. Ich mache das jetzt mal mit den ersten drei Büchern im BGB und zwar anhand des Palandt. Sie schlagen das Inhaltsverzeichnis auf und schauen nach den Normen mit einer umfangreichen Kommentierung. Normen, die umfangreich kommentiert wurden, müssen wichtig sein, sonst gäbe es diese Kommentierungen nicht. Das ist ein sehr formales und mit Sicherheit auch nicht völlig richtiges Kriterium, aber es hilft Ihnen sehr beim Einstieg in das Tastensystem. Natürlich ist mir klar, dass Normen sehr kurz und inhaltlich sehr klar und trotzdem sehr bedeutend für das Rechtssystem sein können. Aber ich glaube mit einem formalen Kriterium, wie dem, das ich Ihnen gerade vorgeschlagen habe, kommen Sie weiter.
Ich würde Ihnen drei Kategorien vorschlagen:

Kategorie 1: Die Normen, die absolut unverzichtbar sind

Kategorie 2: Die Normen, die für viele Fälle wichtig sind

Kategorie 3: Alle verbleibenden Normen

Ausgehend von diesen Kategorien haben wir die Lernsoftware „IURLEXICO“ entwickelt. In dieser Software werden Sie zu den wichtigen und unverzichtbaren Normen des jeweiligen Gesetzesbuches befragt (Kategorie 1 und Kategorie 2).

Die erste Frage lautet: Zu welchem Regelungsbereich (Gebietsbezug) gehört die Norm? Die zweite Frage will klären, worin der Regelungszweck der Norm (oder des Absatzes, um den es geht) besteht. Wenn Ihnen der Regelungszweck klar ist, dann bedeutet das, dass Sie die Norm verstanden haben, dass Sie wissen, welcher „Ton“ das ist, mit dem Sie gerade zu tun haben. Der Regelungszweck erschließt sich oft nur schwer aus dem Wortlaut der Norm, deshalb ist er so wichtig für das Verständnis.

Wenn Sie den Wortlaut einer Norm lesen, dann hören Sie den „Ton“ meist noch nicht oder zumindest nur ansatzweise und vielleicht sogar verzerrt (ohne es zu wissen). Der Ton, der die Bedeutung der Regel wiedergibt, erschließt sich, wenn man sich fragt, welchen Regelungszweck die Norm eigentlich hat. Manchmal erschließt sich der Regelungszweck direkt aus der Norm – aber manchmal auch nicht. In vielen Fällen sind Regeln sehr abstrakt formuliert und ihre Tragweite erschließt sich erst dann, wenn man sich mit den sehr abstrakten Begriffen und den Zusammenhängen innerhalb von tatsächlichen Sachverhalten und Interessenkonflikten beschäftigt. Das macht das Erschließen, das Erklingenlassen des Gesetzbuches etwas schwieriger.

Ich weiß nicht, ob Sie vielleicht schon einmal versucht haben Geige oder Gitarre zu spielen. Wenn Sie auf diesen Instrumenten versuchen einen Ton zu greifen, dann werden Sie mit Sicherheit irgendeinen Ton erzeugen, aber er wird oft am Anfang sehr unklar, verschwommen, manchmal auch verzerrt klingen. Wer auf der Geige oder der Gitarre einen schönen Ton erzeugen will, braucht viel Übung und vor allem auch verhornte Fingerkuppen, die nicht mehr schmerzen, wenn man sehr kräftig auf eine Saite drückt, um sie so zu verkürzen, dass der gewollte Ton entsteht.

Der erste Blick in eine Rechtsnorm ist so, als würden Sie gerade zum ersten Mal eine Geige oder eine Gitarre in der Hand halten und versuchen einen Ton zu erzeugen. Es wird erbärmlich klingen und Ihre Finger werden nach kurzer Zeit ziemlich weh tun.

Genauso erbärmlich ist die Resonanz in Ihrem Kopf auf die erste Rechtsnorm. Selbst so eine einfache Regel wie die, die Sie in § 1 BGB finden: „Die Rechtsfähigkeit des Menschen beginnt mit der Vollendung der Geburt“ wird kein ästhetisches Klangerlebnis in Ihrem Gehirn hervorrufen. Sie werden im ersten Moment vielleicht sagen „Aha, hätte ich’s mir doch fast gedacht“ und im nächsten Moment denken „Was soll der Blödsinn? Das weiß doch jeder!“, aber die erstaunliche Kraft dieser Regel werden Sie erst sehr viel später bemerken, z.B. wenn Ihnen klar wird, dass die Rechtsfähigkeit Voraussetzung dafür ist, dass man Ansprüche einklagen oder erben kann.

Sie merken, man kann über die Rechtsfähigkeit schon sehr viel mehr sagen, wenn man einen Augenblick nachdenkt, als beim ersten Hinschauen auf die Norm erkennbar wurde.

Die Norm verändert sich also, wenn man sie im Regelungszusammenhang betrachtet und – das ist besonders wichtig – sie passt sich auch zeitlichen und sozialen Veränderungen ohne Probleme an. Das Wesen abstrakter Begriffe ist die Anpassungsfähigkeit, das heißt ihre Dynamik auf sich verändernde Umstände und Zustände. Das ist besonders gut und wichtig, weil Sie sonst permanent das Gesetzbuch ändern müssten, wenn irgendjemand einen Begriff, den Sie im Gesetzbuch benutzt haben, plötzlich umdefiniert. Daraus folgt etwas sehr Wichtiges, nämlich die Erkenntnis, dass sich das Gesetz durch seine begriffliche Abstraktion permanent inhaltlich ändert, ohne dass der Gesetzgeber tätig werden muss.

Ich hoffe, ich habe Ihnen hinreichend klar machen können, warum die Frage nach dem Regelungszweck der Norm grundlegend wichtig ist. Man kann eine Norm (den Ton im Gefüge der Tonarten) nur sinnvoll anwenden, wenn man ihren Regelungszweck begriffen hat.

Umgekehrt folgt daraus: Halten Sie den Regelungszweck in der Hand, so sind Sie in der Lage mit der Norm im Falllösungszusammenhang sinnvoll umzugehen. Sie sind mit anderen Worten staatsexamenstauglich.
Die dritte Frage will im Grunde nur noch kontrollieren, ob Sie den Regelungszweck möglicherweise nur zufällig richtig erraten haben oder ob Sie wirklich wissen, wovon Sie reden. In dieser Frage geht es um die „wichtigsten Tatbestandsmerkmale“ der Norm (oder des Absatzes), um die oder den es geht. Es ist nicht so, dass Sie die Regeln alle auswendig lernen sollen und müssen, so wie man das etwa in China oder Japan von den Jurastudenten/innen verlangt. Auch in Italien und Spanien wird im Examen sehr viel auswendig gelernt.

Ein solches Auswendiglernen ist für die deutsche Rechtsausbildung überraschend und wirkt fast ein wenig antiquiert. Wenn Sie später aber einmal zum Beispiel in einer Internationalen Organisation mit Juristen/innen aus anderen Ländern dieser Welt diskutieren, werden Sie merken, dass Sie allesamt auf hohem Niveau Interessenkonflikte in die jeweilige Rechtsordnung Ihres Landes einordnen und daraus abgeleitet Schlüsse ziehen können. Aus der Perspektive der Didaktik müsste man fragen, wie es eigentlich kommen kann, dass Menschen, die so unterschiedlich ausgebildet wurden, trotzdem miteinander kommunizieren können und offenbar auch nicht unterschiedlich intelligent sind. Der Grund hierfür kann nur darin liegen, dass diejenigen, die zunächst einmal ihr Rechtssystem „auswendig“ lernen, eine Grundlage bilden, auf der sie später dann die konkreten praktischen Fälle zu- und unterordnen können. Das, was man in Deutschland mit den Studierenden vom ersten Semester an tut, nämlich zwischen der Norm und dem Sachverhalt (dem sozialen Geschehen) eine permanente Wechselwirkung herzustellen, geschieht in anderen Ländern der Welt oft zeitlich versetzt und in unterschiedlichen Lebensabschnitten.

Jedenfalls: Auch chinesische, japanische, italienische, spanische und französische Studierende, die sich allesamt primär mit dem Normengefüge, aber weniger mit praktischen Fällen beschäftigt haben, sind später im praktischen Leben in der Lage juristischen Rat genauso zu geben, wie es deutsche Juristen/innen tun. Daraus folgt zumindest eines ganz sicher: diejenigen, die ihr Handwerkszeug beherrschen, die wissen, wo die Töne des Rechtes zu finden sind, die die Zwecke der Regelungen kennen, machen ganz bestimmt keinen Fehler mit Blick auf ihr zukünftiges Berufsleben. Im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass sie ihr Handwerkszeug kennen und jeder, der sein Handwerkszeug beherrscht, ist in der Lage im Staatsexamen zu glänzen. Das ist der Grund, warum es in der dritten Frage darum geht, welche (wichtigen) Tatbestandsmerkmale die Regel eigentlich enthält, über die Sie gerade nachdenken.
Diese Merkmale sollten Ihnen (auch, wenn das Gesetzbuch geschlossen ist) im Großen und Ganzen vor dem geistigen Auge stehen. Wenn Sie dann allerdings tatsächlich einen Fall lösen, einen Schriftsatz bearbeiten oder ein Urteil formulieren, dann schlagen Sie bitte in jedem Falle das Gesetzbuch auf und prüfen noch einmal nach, ob Sie die Tatbestandsmerkmale auch wirklich absolut zutreffend zitieren. Das ist schon deshalb nötig, weil jeder, der das Recht anwendet, an Recht und Gesetz (Art. 20 Abs. 3 GG) gebunden ist.

Mit Hilfe der Lernsoftware IURLEXICO überprüfen Sie nicht nur, ob Sie ihr Instrument, das jeweilige Gesetzbuch, kennen und womöglich sogar auch schon beherrschen. Vielmehr können Sie mit IURLEXICO die unverzichtbaren und wichtigsten Regelungen der jeweiligen (Teil-)Rechtsgebiete beherrschen lernen, dieses Wissen jederzeit wieder auffrischen und vertiefen.

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Schauen Sie über den Tellerrand
Rechtswissenschaft beschäftigt sich im Wesentlichen mit den tragenden Spielregeln zwischen uns Menschen. Außerordentlich viele juristische Probleme entstehen in Lebensbereichen, die der Rechtswissenschaft vorgelagert sind. Über die in diesen Lebensbereichen die Menschen leitenden Hintergründe gibt Ihnen die Rechtswissenschaft selten Auskunft. Warum und wie Konflikte zwischen Menschen entstehen, sind Fragen an die Psychologie, an die Philosophie, an die Biologie und Genetik, an die Kybernetik, an die vergleichende Verhaltensforschung (Ethologie), an die Theologie, an die Geisteswissenschaften, an die Soziologie, an die Physik, die Chemie, die Medizin, die Meteorologie und viele andere mehr. Natürlich können Sie nicht in all diesen Gebieten ein Ass sein. Aber Sie können sich einen Überblick verschaffen. Gerade in der Universität ist das möglich, weil Sie Zutritt zu jeder Vorlesung ha- ben. Schauen Sie in die Vorlesungsverzeichnisse und prüfen Sie, ob es nicht gelegentlich Grundveranstaltungen gibt, die von allgemeinem Interesse sind. Darüber hinaus gibt es allgemein verständlich geschriebene Bücher, die Grundwissen aus anderen Disziplinen vermitteln. Sie geben Ihnen oft weitreichende Einblicke in die Grundlagen Ihres eigenen Faches. Schließlich sollte es für Sie selbstverständlich werden, mindestens zwei anspruchsvolle Zeitschriften (z.B. Spiegel / Die Zeit / Handelsblatt / FAZ) zu lesen. Es kommt nicht darauf an, ob Sie in allen Punkten gleicher Meinung sind, sondern dass Sie wissen, worüber die Menschen miteinander streiten. Gehen Sie mit Büchern und Zeitschriften systematisch um. Schauen Sie also insgesamt durch, was an Informationen zur Verfügung steht und entscheiden Sie, welche Informationen Sie wollen. Versuchen Sie auch Zugang zu solchen Informationen zu finden, die für Sie bisher fremd waren und sind. Das Auseinandersetzen mit fremden Interessen ist wesenstypisch für die juristische Arbeit, gleichzeitig aber außerordentlich anstrengend, jedenfalls am Anfang.
Überwinden Sie Ihre Hemmschwellen und versuchen Sie, Zugang zu für Sie fremden Lebensbereichen zu finden (Wirtschaftsteil/ Wissen- schaftsteil/ Psychologie …). Und natürlich: Versuchen Sie sich auch eine halbwegs ordentliche belletristische Bibliothek zu schaffen. Kaufen Sie sich gebrauchte Bücher und lassen Sie sich Bücher von Freunden, Bekannten und Eltern schenken, so oft es nur geht. Gute Belletristik öffnet die Augen für das wirkliche Leben, für Grenzbereiche des Denkens und Erfahrens, für Verhaltensweisen, die Ihnen fremd sind und für Denk- und Lösungsmöglichkeiten, an die Sie selbst ebenfalls kaum denken würden. Hier kann man außerordentlich viel und schnell lernen.
Und schließlich: Das Medium unserer Zeit ist der Film. Zusammenhänge werden hier in einer Geschwindigkeit verdeutlicht und auf den Punkt gebracht, die für alle anderen Medien, mit Ausnahme des Theaters vielleicht, untypisch ist. Aber beachten Sie bitte immer, dass Filme deshalb so erfolgreich sind, weil sie vieles von dem, was in ihnen abläuft, gerade nicht analysieren, sondern verdrängen und verschweigen. Fragen Sie sich, warum Ihnen ein Film bzw. nicht gefällt. Versuchen Sie sich die jeweilige Gegenposition vorzustellen und prüfen Sie, ob Sie wirklich vorurteilsfrei mit dieser Gegenposition umgehen können. Gerechtigkeit ist (auch) die Kunst, seine eigenen Vorurteile in Frage stellen zu können.


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