Geschlechterklischees im Jurastudium-Ist eine kritischere Reflektion notwendig?

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Geschlechterklischees im Jurastudium-Ist eine kritischere Reflektion notwendig?

„Lina, die in ihrem Shoppingwahn unbedingt ein rosa iPad braucht, fährt in die Innenstadt, wo sie einen Unfall baut, da sie von der Gucci Werbung so abgelenkt ist.“

Wer kennt sie nicht? Diese Sachverhalte, die amüsant klingen sollen und dabei oftmals ihren Witz auf Geschlechterklischees aufbauen. Doch sind diese amüsanten Sachverhaltspassagen wirklich als bloßer Witz zu sehen, oder sollten sich Jurastudierende intensiver mit den darin enthaltenen Klischees befassen?

Ist es unter Umständen notwendig, dass angehende Jurist/Innen die Übungssachverhalte gründlicher und tiefergehender analysieren?

Dazu haben wir die Verfasserin eines Artikels zu dieser Thematik befragt, die uns aufschlussreiche neue Anhaltspunkte aufzeigte, die Jurastudierende bei der Sachverhaltsanalyse nicht missachten sollten.

Dana Valentiner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Öffentliches Rechts, insbes. Öffentliches Wirtschafts- und Umweltrecht (Prof. Dr. Margarete Schuler-Harms) der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und befasste sich zusammen mit Laura Jacobs (Studentin der Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg und aktiv in der Gruppe Kritische Jurastudierende, im Fachschaftsrat Rechtswissenschaft, engagiert in der Refugee Law Clinic Universität Hamburg, dort insb. in der Frauen-Beratung).

Iurratio: Wie sind Sie auf die gesamte Thematik aufmerksam geworden und wieso hat
Sie dieses Thema so intensiv beschäftigt hat?

ÜBERLASSE DEINE MÜNDLICHE PRÜFUNG NICHT DEM ZUFALL!

Laura Jacobs: Es ist kein Geheimnis, dass wir noch immer nicht in einer geschlechtergerechten und diskriminierungsfreien Gesellschaft leben. Auch wenn sich bereits einiges getan hat, erfordern die bestehenden patriarchalen Strukturen mehr als zuvor einen geschärften Blick für die subtilen Vorgänge, mit denen antifeministische und sexistische Wertevorstellungen verbreitet werden. Übungsfälle sind das zentrale Moment im rechtswissenschaftlichen Studium. Sie lehren angehende Jurist*innen ihr Handwerkszeug. Sie verraten aber auch viel über das Weltbild von Jurist*innen.

Manchmal versuchen Dozierende und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen ihre Fälle mit „ein bisschen Witz“ aufzupäppeln. Diese Witze basieren in ihrer Verkürzung auf dummen Klischees, so dass ein ganz besonders ausgefuchster Fall beginnt mit „Lina, die in ihrem Shoppingwahn unbedingt ein rosa iPad braucht, fährt in die Innenstadt, wo sie einen Unfall baut, da sie von der Gucci Werbung so abgelenkt ist.“ Während ein allgemeines Schmunzeln durch die Reihen geht „jaja, die Frauen, so sind sie eben“, sind alle angehalten, diesen Fall möglichst schnell und effektiv zu bearbeiten – da bleibt kaum Raum für kritisches Hinterfragen der eigenen Methoden und Vorannahmen.

Wo die Fälle herkommen, wie sie erzählt werden und was das mit uns als Studierenden macht, bleibt häufig unreflektiert. Warum nicht an dem Ort für Gleichberechtigung eintreten, an dem wir uns viele Jahre tagtäglich bewegen: an der Universität.

Iurratio: Sie schreiben, dass es kaum weibliche Vorbilder im juristischen Raum gibt wie z.B. weibliche Professorinnen, woran denken Sie könnte das liegen? Und inwiefern denken Sie, könnte das Auswirkungen haben?

Laura Jacobs: Dies ist in der Tat eine sehr spannende Frage, auf die es pauschal keine einfache Antwort gibt. Obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer das Jura Studium abschließen und auch durchschnittlich bessere Noten haben als ihre männlichen Kollegen, sind sie in den Führungspositionen immer noch unterrepräsentiert. Rechtswissenschaft hat traditionell viel mit Staatlichkeit und Herrschaft zu tun. In einem solchen Kontext Machtstrukturen aufzubrechen ist nicht ganz einfach. Daran, dass es nicht genügend motivierte und kompetente Frauen gäbe, die eine Professur besetzen könnten, liegt es aber bestimmt nicht. Phänomene wie die so genannte gläserne Decke zeigen sich aber leider in verschiedenen Gebieten, nicht nur in der Rechtswissenschaft.

Fehlende weibliche Repräsentation in der Professorenschaft beeinflusst jedenfalls sowohl die persönliche Entwicklung der Studierenden als auch die Manifestation eines männlich zentrierten Rechtssystems. Dir wird als Frau auf subtile Art vermittelt, dass du keine Chance hast, in einem solch männlich geprägten Raum zu bestehen und dass du hier offensichtlich nicht hingehörst.

Iurratio: Glauben Sie, dass die von Ihnen angesprochenen Stereotypen die Jurastudenten unterschwellig beeinflussen könnten? Wenn ja, inwiefern?

Laura Jacobs:
Das ist der Grund, warum die Studie sich der Thematik insbesondere aus einer didaktischen Perspektive annähert. Die (Fach-) Didaktik beschäftigt sich auch damit, wie Menschen überhaupt lernen. Mit dem Ziel einer möglichst inklusiven erfolgreichen Ausbildung müssen sich Universitäten auch mit Geschlecht und Diversität befassen und eine gendersensible Perspektive einnehmen.
Daneben fördern Stereotype unterbewusste Erwartungshaltungen der Studierenden gegenüber Gesellschaft, produzieren unhinterfragte Vorannahmen sowie Schlussfolgerungen, die die Studierenden später dann in ihrer Funktion als Anwältinnen oder Richterinnen in das Rechtssystem zurück tragen.

Iurratio: Wie ernst denken Sie sollte eine Jurastudentin diese Thematik nehmen und was denken Sie sollten junge Jurastudierende (insbes. die Leser des Artikels) besonders „zu Herzen nehmen“? Denken Sie, dass Jurastudierende
sich tiefer mit den Übungssachverhalten beschäftigen sollten bzw. die kritischer betrachten sollten?

Laura Jacobs: Das Jurastudium und seine Inhalte müssen allgemein kritischer reflektiert werden, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Recht zu ermöglichen. Da Übungssachverhalte eine derart zentrale Rolle einnehmen, können sie Ausgangspunkt für eine kritische Analyse der juristischen Ausbildung sowie des Rechts selbst sein. Dafür ist es aber auch notwendig, dass sich die Studierenden selbst vernetzen und sich z.B. über Sexismus oder Rassismus im Jurastudium austauschen.

Wir wollen nicht in einem Staat leben, wo die Gesetze auf diskriminierende Art und Weise angewendet werden. Wenn eine Zeugin von einer Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt berichtet und der zuständige Richter der Meinung ist, Frauen übertreiben grundsätzlich, können nicht objektiv werten und neigen zu emotionalen Reaktionen, dann hat das ganz reale und grausame Konsequenzen. Somit ist es unablässig in einem Rechtsstaat, dass sich die rechtsprechenden Organe ganz genau mit ihren eigenen Vorurteilen und Klischees auseinandersetzen. Viele Richter*innen werden sagen „damit muss ich mich ja nicht auseinandersetzen, ich bin ja immer und stets objektiv“ und genau das ist der falsche Ansatz, denn es verhindert die dringend notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Position innerhalb des Rechtssystems.

Iurratio: Gibt es ein abschließendes Fazit, das Sie den Jurastudierenden und auch weiteren Leserinnen von Iurratio mitgeben wollen?

Laura Jacobs:
Über dem Recht schwebt der Nimbus der Objektivität. Recht wird dabei häufig als neutral vom Himmel gefallen erachtet. Anatole France hat den darin immanenten Widerspruch mit sehr treffenden Worten auf den Punkt gebracht: “[…] unter der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen“ zeigt sich die Schwierigkeit eines rein formal verstandenen Rechtsbegriffs. Über Stereotypen und gesellschaftliche Strukturen der Ungleichheit und Diskriminierung in der Juraausbildung zu reden ist der erste Schritt, um sich ein emanzipatorisches Verständnis von Recht erarbeiten zu können.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei Dana Valentiner und Laura Jacobs für die sehr aufschlussreichen Informationen und Anregungen zu diesem Thema.

 

 


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