Für ganz wichtig halte ich auch eine fundierte gesellschaftsrechtliche Ausbildung.

Allgemeines und Aktuelles

Interview mit RA Nobiling: Karriere im Steurerrecht

Juristen, die sich für den spannenden Bereich des Steuerrechts interessieren, sollten in jedem Fall so früh wie möglich alle sich ihnen bietenden Möglichkeiten nutzen, um theoretische und praktische Erfahrungen zu sammeln.

Interview mit Jesko Nobiling (Partner im Berliner Büro von CMS Hasche Sigle) (Bildquelle: (c) Gina Sanders fotolia.com; Foto: CMS Hasche Sigle)


 

Bildschirmfoto 2015-09-16 um 13.45.39Iurratio: Das Steuerrecht ist breit gefächert und besteht aus vielen Teilgebieten. Wie haben Sie den Bereich intern bei CMS Hasche Sigle strukturiert? Gibt es bestimmte Teams, die immer wieder bestimmte Teilbereiche in der steuerrechtlichen Beratung übernehmen oder werden diese für jedes Mandat individuell neu zusammengestellt?

Jesko Nobiling: Unsere Sozietät hat sich – und das gilt nicht nur für das Steuerrecht – bewusst für eine dezentrale „Full-Service-Strategie“ entschieden, d.h. wir wollen unseren Mandanten deutschlandweit an insgesamt acht Standorten erstklassige Beratung in allen relevanten Bereichen des Wirtschafts- rechts, einschließlich des Steuerrechts, „vor Ort“ anbieten. Das bedeutet, dass wir unsere Steuerexperten nicht an einem Ort gebündelt und in verschiedenen Teams thematisch aufgeteilt haben.

Vielmehr haben wir regionale Teams an den einzelnen Standorten gebildet, die von einem oder zwei Partnern geleitet werden und inhaltlich in der Regel mindestens diejenigen Themenfelder abdecken, die den Beratungsbereichen des jeweiligen Standortes entsprechen. Innerhalb der Steuerteams an den einzelnen Standorten haben die Kollegen dann wiederum bestimmte Themenschwerpunkte (z.B. steuerliche Begleitung von M&A- und Immobilientransaktionen, Beratung von Unternehmern und vermögenden Privatpersonen („Private Clients“), Spezial-Themen), auf die sie sich spezialisieren und standortübergreifend einsetzen.

Diese „Matrix-“Struktur hat gerade für junge Kollegen den Vorteil, dass ihre Tätigkeit inhaltlich breiter und damit abwechslungsreicher ist, als wenn die steuerrechtliche Beratung an einem oder zwei Standorten konzentriert wäre.

Iurratio: Für eine Tätigkeit im Steuerrecht ist es häufig erforderlich auch in ein breites zivilrechtliches und wirtschaftliches Wissensspektrum mitzubringen. Wie decken Sie diese Anforderungen in Ihrer Kanzlei ab? Wie findet die Zusammenarbeit mit den Spezialisten für diese Bereiche in Ihrem Hause statt?

Jesko Nobiling: Das ist in der Tat so: Steuerrecht hat sehr enge Bezüge zu vielen anderen Rechtsbereichen, insbesondere natürlich zum Zivil-, Handels- und Gesellschaftsrecht, aber auch z.B. zum Insolvenzrecht, Arbeitsrecht, Öffentlichen Recht etc.

Daher darf man sich als Anwalt im Bereich Steuerrecht nicht nur auf die – vielfältigen – aktuellen Entwicklungen im Steuerrecht konzentrieren, sondern man muss auch diejenigen Rechtsbereiche laufend mit im Blick behalten, mit denen es Verbindungen oder Überschneidungen gibt. In erster Linie ist hierfür Eigeninitiative und Disziplin erforderlich, das heißt man muss auch in diesen Rechtsbereichen regelmäßig die aktuelle Rechtsprechung und Literatur in den diversen Fachzeitschriften und den Newslettern, die jeder Anwalt bei uns abonnieren kann, mitverfolgen. Zusätzlich bieten wir vielfältige interne und externe Fortbildungsmöglichkeiten an.

Darüber hinaus sind die meisten Steueranwälte unserer Sozietät nicht nur Mitglied des Fachbereichs Steuerecht, sondern zusätzlich noch eines weiteren Fachbereichs (z.B. Gesellschaftsrecht; „Private Clients“; Real Estate und Public) und nehmen auf diesem Weg aktiv an den Entwicklungen in diesen Bereichen teil. Auf diesem Weg kann und soll ein Branchen-Fokus und wechselseitiger Austausch geschaffen werden.

Sobald im Rahmen der steuerrechtlichen Beratung allerdings Spezialfragen aus anderen Rechtsbereichen auftreten, die nicht zum Allgemein- oder Spezialwissen des jeweiligen Steuer-Kollegen gehören, bindet er sofort die entsprechenden Spezialisten aus diesem Rechtsbereich ein. In der Praxis ist es allerdings häufig umgekehrt: Oft stellen sich im Zusammenhang mit Mandanten anderer Rechtsbereiche (z.B. im Gesellschaftsrecht, Arbeitsrecht oder in Immobilientransaktionen) spezielle Steuerfragen, für deren Lösung dann einer unserer Steuerspezialisten hinzugezogen wird.

Iurratio: Neben juristischem Fachwissen werden oft weitere „Soft- Skills“ erwartet. Auf welche Anforderungen der Branche müssen sich Bewerber im Bereich des Steuerrechts einstellen?

Jesko Nobiling: Steuerrecht mag fachlich „exotischer“ sein als andere Rechtsbereiche; das Anforderungs- und Persönlichkeitsprofil an den in diesem Bereich tätigen Anwalt ist gleichwohl – jedenfalls in einer wirtschaftsrechtlichen Kanzlei –dasselbe wie für die Anwälte in den anderen Rechtsgebieten.

Steuer- Anwälte müssen „echte“ Anwälte sein. Um erfolgreich zu sein, muss ein Steueranwalt neben der hohen juristischen Qualifikation und dem besonderen steuerlichen Fachwissen daher dieselben Soft-Skills mitbringen wie die Anwälte aus anderen Bereichen. Insbesondere Kommunikations- und Teamfähigkeit, Überzeugungskraft sowie persönliche Vernetzung sind auch im Steuerrecht entscheidende Faktoren für den langfristigen beruflichen Erfolg.

Fachliche Exzellenz allein reicht heute nur noch in Ausnahmefällen aus, um als Anwalt auf Dauer wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Man darf die PS nicht nur im Studierzimmer laufen lassen, sondern man muss sie auch auf die Straße bringen können. Das gilt auch und gerade für den Bereich des Steuerrechts, das aufgrund seiner Komplexität und seines Abstraktionsgrades erfahrungsgemäß stärker als andere Rechtsbereiche ein Gebiet für „Theoretiker“ und „Denker“ ist.

Iurratio: Inwieweit trifft dies auch Ihre Erwartungen an Bewerber? Erwarten Sie von Anfang an eine starke Spezialisierung in einem steuerrechtlichen Bereich zusätzlich zu breiten Kompetenzen im Zivilrecht? Oder findet hier auch ein „Training on the job“ im Sinne eines Heranführens von kleinen zu großen Aufgaben statt?

Jesko Nobiling:Wir erwarten von Bewerbern für den Bereich Steuerrecht in erster Linie, dass sie hervorragende Juristen sind und zusätzlich hinreichende Vorkenntnisse im Bereich des Steuerrechts haben. Diese können z.B. durch eine entsprechende Ausbildung (z.B. zum Diplom-Finanzwirt), durch entsprechende Schwerpunkte im Studium und/oder im Referendariat, durch einen steuerlichen Masterstudiengang oder einen absolvierten Fachanwaltskurs erworben worden sein.

Ganz ohne eine steuerrechtliche Vor-Qualifikation ist eine qualifizierte Tätigkeit in diesem anspruchsvollen Gebiet hingegen kaum sinnvoll möglich.

Die eigentliche Tätigkeit und praktische Ausbildung im Bereich Steuer- recht findet dann aber – jedenfalls in unserer Sozietät – in der Tat von Beginn an bewusst „ on the job“ statt, d.h. die Junganwälte arbeiten von Beginn an unter der Anleitung und Aufsicht des Partners in seinen Mandaten und Projekten mit.

Allerdings muss man sich darüber bewusst sein, dass die praktische Lern- und Einarbeitungszeit im Bereich des Steuerrechts deutlich länger als in den meisten Rechtsbereichen ist. Daher müssen Bewerber gerade in diesem Bereich eine gewisse Bereitschaft mitbringen, nicht vom „Tag eins“ an alleinverantwortlich Mandate zu betreuen, sondern zunächst einmal Partner oder erfahrene Kollegen (z.B. Counsel) in der Mandatsarbeit zu unterstützen.
 

Bildschirmfoto 2015-09-16 um 13.45.39Iurratio: Eine große Kanzlei wie CMS Hasche Sigle betreut häufig auch Mandate im internationalen Kontext. Wie stellen Sie die Qualifikation Ihrer Mitarbeiter, z.B. bei Kenntnissen der englischen Sprache, sicher?

Jesko Nobiling: Kommunikation in englischer Sprache gehört zu unserer täglichen Arbeit und wird von den Mandanten und internationalen Kollegen als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Daher brauchen wir Mitarbeiter, die über entsprechende Kenntnisse verfügen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir von allen Bewerbern erwarten, dass sie zweisprachig aufgewachsen oder bereits längere Zeit im Ausland gelebt haben. Auch und gerade sprachliche Fähigkeiten können gut „on the job“ verbessert werden. Und unsere Erfahrung zeigt, dass es einfacher ist, einem guten Juristen die erforderlichen englischen Sprachkenntnisse zu vermitteln als um- gekehrt einen weniger guten Juristen, der über hervorragende Sprachkenntnisse verfügt, zum guten Juristen auszubilden.

Aber auch das Englisch überlassen wir natürlich nicht dem Zufall, sondern unterstützen die Entwicklung z.B. durch entsprechende Kurse und, als Teil des Karriereplans, zu späterer Zeit durch drei bis sechsmonatige Auslands-“Secondments“.

Iurratio: Sie sind seit 13 Jahren bei CMS Hasche Sigle im Bereich des Steuerrechts tätig. Warum hat Sie dieser Bereich interessiert und warum haben Sie sich für CMS Hasche Sigle als Arbeitgeber entschieden?

Jesko Nobiling: Meine Leidenschaft für das Steuerrecht stammt aus frühen Studienzeiten und meinem damaligen Professor, Herrn Prof. Dr. Schulze-Osterloh, der mir eindrucksvoll vermittelt hat, wie spannend und herausfordernd steuerrechtliche Fragestellungen, gerade in Verbindung zum Gesellschaftsrecht Bilanzrecht etc., sind.

Das hat mich bis heute geprägt. Für meine Entscheidung für meinen anwaltlichen Berufsstart bei CMS Hasche Sigle waren zunächst die Anwälte und Partner des Standorts ausschlaggebend, die ich während des Referendariats kennengelernt habe und die damals mein Klischee von der uniformen, unpersönlichen und von Konkurrenzkampf lebenden Großkanzlei widerlegt haben.

Letztlich ausschlaggebend war für mich dann aber, dass ich das Gefühl hatte, durch die spezielle Standort-Struktur, d.h. das in den jeweiligen Standort integrierte Steuer- Team und die Größe der Teams, nicht ein kleines Rad in einer großen Maschine, sondern wirklich als Steuer-Anwalt tätig zu sein und meinen weiteren Werdegang ein Stück weit selbst beeinflussen und bestimmten zu können. Dies hat sich im Nachhinein betrachtet absolut bestätigt.

Nach meinem Steuerberaterexamen habe ich mich bewusst auf den Bereich „Transaktionen“ fokussiert und so meinen heutigen Geschäftsbereich aufgebaut und den Sprung in die Partnerschaft geschafft. Heute berate ich insbesondere internationale Immobilieninvestoren und Unter- nehmen sowie Gesellschafter bei Unternehmenskäufen und –verkäufen, Umstrukturierung und in Fragen des internationalen Steuerrechts.

Iurratio: Gibt es bestimmte Trends, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftslage, auf die heutige Bewerber vorbereitet sein sollten?

Jesko Nobiling: Ein wichtiger inhaltlicher Trend im Bereich des Steuerrechts ist sicher die Europäisierung und Internationalisierung des Steuerrechts. Speziell die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), aber auch der Steuerwettbewerb zwischen den Ländern, zwingt die deutsche Finanzverwaltung und den deutschen Gesetzgeber in immer stärkerem Maße, das deutsche Steuerrecht zu öffnen und mit anderen Staaten zu harmonisieren.

Dinge, die vor zehn Jahren noch undenkbar schienen, wie z.B. die Berücksichtigung von Verlusten ausländischer Tochtergesellschaften in Deutschland oder grenzüberschreitende Verschmelzungen und Sitzverlegungen, sind daher heute möglich. Das internationale Steuerrecht ist daher thematisch ein zukunftssicheres Feld für Bewerber. Ansonsten geht das Steuerrecht eng mit der Zeit, d.h. in den Hochzeiten der Finanz- und Wirtschaftskriese spielte z.B. das Sanierungssteuerrecht eine große Rolle, während derzeit z.B. wieder der Bereich des Immobiliensteuerrechts boomt.

Für die nähere Zukunft erwarten wir, dass die Zahl der Unternehmenstransaktionen wieder ansteigt, was wiederum steuerliches Beratungsgeschäft in diesem Segment nach sich ziehen wird.
Was die Berufswahl im Bereich Steuerrecht anbelangt, ist aus Bewerbersicht ein interessanter Trend, dass in den letzten Jahren etliche „Boutiquen“, d.h. kleinere Kanzleien mit einem sehr speziellen Fokus wie z.B. Spezialkanzleien für Steuerstrafrecht, Umsatzsteuer, Immobilien oder Start-Ups, auf den Markt getreten sind.

Für Bewerber, die bereit sind, sich von Beginn an in einer kleineren Einheit auf einen bestimmten steuerlichen Themenbereich zu fokussieren, kann das eine Alternative zu den klassischen Arbeitgebern wie den Wirtschaftskanzleien und WP-Gesellschaften sein.

Iurratio: Was würden Sie Bewerbern raten, die sich für eine Karriere im Bereich des Steuerrechts interessieren? Welche Schwerpunkte sollten sie bei ihrer Ausbildung setzen, auf welche fachübergreifenden Fähigkeiten wertlegen?

Jesko Nobiling: Juristen, die sich für den spannenden Bereich des Steuerrechts interessieren, sollten in jedem Fall so früh wie möglich alle sich ihnen bietenden Möglichkeiten nutzen, um theoretische und praktische Erfahrungen zu sammeln. Vorlesungen und Bilanzkurse während des Studiums, Referendarstationen in der Finanzverwaltung und einem Finanzgericht, einer WP-Gesellschaft oder dem Steuerbereich einer Wirtschaftskanzlei sind in jedem Fall sinnvoll.

Für ganz wichtig halte ich auch eine fundierte gesellschaftsrechtliche Ausbildung. Wer im Unternehmenssteuerrecht (z.B. bei Umwandlungen oder im Konzernsteuerrecht) erfolgreich beraten will, muss auch die gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen und Folgen kennen und in der Lage sein, die entsprechenden Verträge zu entwerfen. Sehr wichtig ist auch, sich frühzeitig einen persönlichen „Fahrplan“ für die weitere Ausbildung zu erstellen. Hierzu gehört insbesondere das Steuerberaterexamen, das man in jedem Fall mit in die persönliche Aus- bildungs- und Lebensplanung aufnehmen sollte.

Schließlich empfehle ich, frühzeitig über eine mittelfristige inhaltliche Spezialisierung nachzudenken. Das Steuerrecht ist einfach zu vielfältig und komplex, als dass man alle Bereiche auf gleich hohem Niveau abdecken könnte.

Dieses Interview wurde veröffentlicht in Iurratio, Ausgabe 4/2013