Klausuren und Hausarbeiten, Technik und Tipps

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A. Allgemeines1
Die Bearbeitung von juristischen Sachverhalten während des Studiums erfordert Genauigkeit und Disziplin. Dabei ist es gerade bei komplexeren Sachverhalten oder Hausarbeiten wichtig, eine übersichtliche Struktur und Gliederung zu finden. Dies hat mehrere Funktionen: Zum einen kann man damit komplexe Sachverhalte „aufhellen“ und sich vor dem eigenen Auge besser verdeutlichen. Zum anderen führt es auch dazu, wichtige Einzelheiten nicht zu übersehen. Zuletzt kann es von Vorteil sein dem Korrekturassistenten mit einer systematischen Gliederung die Korrektur zu erleichtern. Ein gut gelaunter Korrektor gibt erfahrungsgemäß bessere Noten! Eine Gliederung sollte deshalb sowohl in Klausuren, als auch in Hausarbeiten unbedingt vorgenommen werden. In Hausarbeiten sollte dabei noch deutlicher auf die Abstufung der Gliederungsebenen geachtet werden.
In Klausuren führt eine Gliederung zu Übersichtlichkeit. An dieser Gliederung können die oftmals mit nur sehr wenig Zeit ausgestatteten Korrekturassistenten erkennen, ob wichtige Kernprobleme angesprochen werden und „wo die Reise“ bei der vorliegenden Klausur hin geht. Zudem hilft eine Gliederung jedem Prüfling schon bei der Strukturierung des Sachverhalts und der Erstellung der Lösungsskizze.
Ebenso wichtig ist aber das „Werkzeug“ zur Darstellung juristischer Sachverhalte und deren gutachterliche Betrachtung. Auf die Einhaltung des Gutachtenstils wird bis hin zum Examen besonderer Wert gelegt.

B. Gutachtenstil
Im juristischen Studium bestehen die Prüfungen überwiegend aus Fallklausuren und Fallhausarbeiten. Der Klausurtext enthält einen Lebenssachverhalt, der juristisch betrachtet werden muss. Diese Begutachtung stellt nicht einen formlosen „Besinnungsaufsatz“ dar, wie man ihn vielleicht noch aus der Schulzeit kennt, sondern ist in einer bestimmten Form darzustellen. Die juristische Fallbearbeitung wird in der Ausformulierung im sog. Gutachtenstil vorgenommen.
Der aus dem juristischen Syllogismus2 abgeleitete Gutachtenstil (auch: 4-Schritt-Methode genannt) besteht aus vier Schritten, die immer „gegangen“ werden müssen.

I. Obersatz
Der Obersatz bildet gemeinsam mit der Konklusion den Rahmen eines jeden Gutachtens und eines jeden Prüfungspunktes. Der Obersatz wirft eine Frage auf, die dann mittels der anderen Schritte (Definition + Subsumtion) geklärt und im Rahmen der Konklusion beantwortet wird. Dabei ist zu beachten, dass die Fragestellung nicht direkt getätigt, sondern in der Form des Konjunktivs formuliert wird. Er endet also niemals mit einem Fragezeichen!
Der Obersatz wird zunächst für das gesamte Gutachten geschrieben:

Beispiel: „A könnte sich gemäß § 240 StGB wegen Nötigung strafbar gemacht haben, indem er an einer Sitzblockade auf einer Bundesstraße teilgenommen hat und so den Autofahrern die Weiterfahrt verwehrte.“

So könnte der Obersatz für ein gutachten lauten, indem geprüft werden soll, ob sich der A wegen (nicht: einer!) Nötigung nach § 240 StGB strafbar gemacht hat.

Anmerkung: Bei der Begutachtung eines strafrechtlich relevanten Sachverhalts ist es immer erforderlich, die für die Strafbarkeit relevante Tathandlung im Obersatz kurz darzustellen (…, indem…). Die „indem“-Formulierung ist eine gängige Formulierung, die es ermöglicht, kurz und prägnant das wichtigste in einem Satz unterzubringen.

Sodann wird auch für jeden einzelnen Prüfungspunkt ein Obersatz gebildet:

 Beispiel: „Fraglich ist, ob der B den C an der Gesundheit geschädigt hat.“

Hier würde man nun prüfen, ob das objektive Tatbestandsmerkmal der Gesundheitsschädigung aus dem Tatbestand des § 223 I StGB vorliegt.

Anmerkung: Man sollte allerdings nicht jedes Mal denselben Satzanfang wählen. Das ist zu monoton und liest sich schlecht. Wer immer „Fraglich ist, …“ schreibt, hat unter Umständen Punktabzug wegen erheblicher stilistischer Mängel zu befürchten. Besser ist es zu variieren:

  • Weiter ist zu prüfen, ob…
    • Zu prüfen ist…
    • Der B müsste des Weiteren den C auch…
    • Eine weitere Voraussetzung ist, dass…

Einleitungen wie „Fraglich ist, ob…“ sollten auch nur dann zur Anwendung kommen, wenn der im Folgenden zu prüfende Kontext umstritten oder unproblematisch ist, es Abgrenzungsschwierigkeiten gibt oder berechtigte Zweifel am Vorliegen der zu prüfenden Voraussetzung bestehen, deren Vorliegen also tatsächlich „fraglich“ ist.

II. Definition
Im zweiten Schritt wird nun die Definition dargestellt. Dies ist notwendig, damit die Auslegung des Gesetzestextes konkretisiert und genauer umschrieben wird. Es wird abstrakt, vom Sachverhalt losgelöst ermittelt, welchen Inhalts beispielsweise ein bestimmtes Tatbestandsmerkmal ist. Die entsprechenden Definitionen findet man in allen gängigen Kommentaren, in der Rechtsprechung oder in Lehrbüchern. Für die Klausur ist es von Vorteil die gängigsten Definitionen auswendig zu beherrschen, das spart Zeit und Nerven!

Beispiel: „Eine Gesundheitsschädigung ist das Hervorrufen oder Steigern eines wenn auch vorübergehenden pathologischen Zustands3.“

So würde die Definition für das Tatbestandsmerkmal der Gesundheitsschädigung aus § 223 Abs. 1 StGB aussehen.

Es gibt noch einen weiteren „Typ“ von Definitionen, die sog. Legaldefinitionen. Das sind Definitionen, die direkt im Gesetz zu finden sind. Teilweise sind sie daran zu erkennen, dass das Definierte in Klammern genannt wird.

Beispiel: Unfallbeteiligter (§ 142 Abs. 5 StGB), Amtsträger (§ 11 Abs. 1 Nr. 2. StGB), Verbraucher (§ 13 BGB), Unternehmer (§14 BGB), Anspruch (§ 194 BGB), Polizei (§ 2 Nr.1 BremPolG).

Man sollte sie unbedingt in der Bearbeitung verwenden und dabei auch auf die entsprechenden Fundstellen verweisen. In Hausarbeiten ist es erforderlich, Definitionen aus Rechtsprechung und Literatur zu belegen. Meist lassen sich die Fundstellen für Definitionen in Kommentaren und Aufsätzen zu dem jeweiligen Thema finden.
Klausuren und Hausarbeiten, Technik und Tipps – Teil 2: Subsumtion & Ergebnis/Konklusion

Klausuren und Hausarbeiten, Technik und Tipps – Teil 3: die Prüfungsreihenfolge

Klausuren und Hausarbeiten, Technik und Tipps – Teil 4: Formalien einer Hausarbeit & einer Klausur

Klausuren und Hausarbeiten, Technik und Tipps – Teil 5: Häufige Fehler


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