Skandal bei der Bewertung von Examensklausuren? – Top-Ergebnis hängt wohl vom Schwierigkeitsgrad der Klausur ab

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Liebe Nachwuchsjuristen,
liebe Leser,

was ich in der Ausgabe 2/2018 der Jura in dem Beitrag „Ratschläge für eine gelungene Klausurbearbeitung oder: ein Plädoyer für mehr Überzeugungsarbeit“ unter Punkt „IV. keine Angst vor schweren Fällen“ lesen durfte, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Wie jeder Nachwuchsjurist habe ich in Studium und Referendariat darauf gehofft, dass wir uns letztlich alle vergleichbaren Herausforderungen in den Examensprüfungen ausgesetzt sehen.

Die Möglichkeit einer hohen Punktzahl hängt offenbar von der Schwierigkeit der Klausur ab

Wer sich mit den unterschiedlichen Bedingungen im 1. und 2. Staatsexamen in Deutschland befasst, ahnt zwar, dass von einer Vergleichbarkeit eigentlich nicht gesprochen werden kann. Als Beispiele hierfür fallen einem direkt die unterschiedlichen Regelungen zu den Themen „Verbesserungsversuch“, die Möglichkeit zum „Abschichten“ oder die Anzahl und Verteilung der zu schreibenden Klausuren ein.
Dennoch gingen und gehen die meisten davon aus, dass zumindest in allen Klausuren die gleiche Punktzahl erzielt werden kann, wenn eine entsprechend gute Leistung abgelegt wird.

Wenn jetzt aber Prüfer zugeben, dass dies nicht so ist, dann haben wir in der Juristenausbildung weit gravierendere Probleme, als bisher angenommen und diskutiert.
Wenn „selbst Bearbeitungen, die man als rundum gelungen bezeichnen könnte – von kleinen Mängeln abgesehen“ nur eine durchschnittliche Note erhalten – so eine Prüferin im 1. Staatsexamen in Baden-Württemberg –, dann kann wirklich von einem Skandal gesprochen werden!

Noch hanebüchener sind die „Erklärungen“ der Prüferin für dieses Phänomen:
„Bei leichten Standardaufgaben legen Korrektoren häufig sehr strenge Maßstäbe an, sei es bewusst oder unbewusst. Auch kleinere Versehen oder Unvollständigkeiten sanktionieren sie mit erheblichen Punktabzügen. In den Prädikatsbereich gelangen nur nahezu tadellose Arbeiten.“

Notenskala endet beim „vollbefriedigend“

Die Notenskal endet damit bei einem „vollbefriedigend“. Was dies für alle bedeutet, die nicht zu den Besten der Besten gehören, könnt Ihr Euch denken: Die Leistungen werden alle schlicht deutlich schlechter bewertet („nach unten abgedrängt“), als sie es eigentlich bei Wahrung der Chancengleichheit auch zwischen Klausuren und Klausurdurchgängen sein müssten. Das „befriedigend“ wird in diesem Fall letztlich zum „vollbefriedigend“.

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Als Jurist wird man meist sein Leben lang auf eben diese Ergebnisse in den Examina reduziert. Da darf so etwas einfach nicht weiter hingenommen werden. Aus Sicht von uns Nachwuchsjuristen ist es jetzt erst recht die Aufgabe der Landesjustizprüfungsämter und Aufgabe des zukünftigen Bundesjustizministers, darauf hinzuwirken, dass sich dieser skandalöse Zustand schnellstmöglich ändert!

Jens-Peter Thiemann (JPT)

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