Stell Dir vor, eine Kanzlei zahlt mehr als 100.000 € Einstiegsgehalt und keiner geht hin

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Symbolbild

Noch Anfang dieses Jahrtausends wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Zwar ziehen auch heute noch Einstiegsgehälter von bis zu 140.000 € manche Nachwuchsjuristen scheinbar magisch in ihren Bann – anders lässt sich kaum erklären, warum immer mehr juristische Arbeitgeber Einstiegsgehälter von 100.000 € oder mehr zahlen. Doch wirtschaftlich ist ein solches Einstiegsgehalt für den Arbeitgeber in der Regel nicht. Vielmehr bringen Anwälte erst nach zwei bis drei Jahren – gemessen an ihrem Gehalt – einen wirtschaftlichen Mehrwert für Kanzleien.

Viele juristische Arbeitgeber wollen nicht mehr nur mit immer höheren Gehältern im Kampf um die besten Köpfe bestehen. Längst versuchen sie den veränderten Anforderungen der Arbeitnehmer Rechnung zu tragen: Der „change of work“ hat den juristischen Arbeitsmarkt erreicht.

Das mit Abstand höchste Einstiegsgehalt von 140.000 €, zahlt die Kanzlei Milbank, Tweed, Hadley McCloy, noch vor Willkie Farr Gallagher mit einem Einstiegsgehalt von 130.000 € und vielen anderen Arbeitgebern mit Einstiegsgehältern über 100.000 € (wir berichteten). Andere Großkanzleien wie Hogan Lovells und Berwin Leighton Paisner setzen primär auf Ihre Aus- und Fortbildungsprogramme und ein angenehmes Arbeitsklima.

Umfragen zeigen den Wunsch nach veränderten Bedingungen an Arbeitgeber und die Arbeitsbedingungen – change of work

Umfragen unter Nachwuchsjuristen zeigen seit Jahren auf, dass sich juristische Arbeitgeber verändern müssen: Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben ist für junge Juristen das wichtigste langfristige Karriereziel. Dem folgen Jobsicherheit, intellektuelle Herausforderung, der Wunsch, eine Führungskraft in leitender Position zu werden sowie im Job unternehmerisch und kreativ tätig zu sein. Die Zeiten, in denen die Topabsolventen bereit sind für ein möglichst hohes Einstiegsgehalt 60 bis 100 Stunden in der Woche zu arbeiten, sind weitestgehend vorbei.

Zentraler Wunsch ist die sogenannte Work-Life-Balance.

Wenn man die jungen Talente fragt, was sie mit Work-Life-Balance verbinden, nennen sie in erster Linie ein positives Arbeitsklima, dass sich Familien- und Karriereplanung nicht ausschließen, finanzielle Stabilität und Weiterbildungsangebote.

change of work – Einige Kanzleien begegnen den Wünschen der Nachwuchsjuristen mit eigenen Lösungen

Einige Kanzleien begegnen diesen Wünschen mit eigenen Lösungen:

Ein einzigartiges Angebot bietet seit fünf Jahren die Kanzlei Mayer Brown. Berufseinsteiger können hier jährlich bis zu 50 Urlaubstage gegen entsprechende Gehaltsanpassungen vereinbaren. Die Kanzlei Osborne Clark hat im letzten Jahr das Angebot eines einmonatigen Sabbaticals für Senior Associates im 5. Berufsjahr eingeführt (wir berichteten).
Jüngst führte die Kanzlei McDermott Will & Emery an ihrem Düsseldorfer Kanzleisitz ein Modell mit 35 Wochenstunden bei reduzierten Bezügen ein. Um bei diesem Modell keinen Qualitätsverlust zu erleiden und diese Anwälte in die normalen Arbeitsabläufe einbinden zu können, sollen die Anwälte in einer Art Schichtbetrieb an ihren Mandanten arbeiten und die Teams vergrößert werden.
Die Kanzlei Beiten Burkhardt hat Ende letzten Jahres auf der Herbstversammlung beschlossen, die Equity-Partnerschaft für die Teilzeit zu öffnen. Damit will die Kanzlei den verschiedensten Lebensmodellen Rechnung tragen und einen wichtigen Beitrag zur Work-Life-Balance leisten.

Auch wenn die Entwicklungen bei Beiten Burkhardt und McDermott Will & Emery zeigen, dass auch im juristischen Arbeitsfeld ein Wandel zu mehr Flexibilität und Individualität möglich ist, bleibt abzuwarten, ob sich weitere Kanzleien anschließen werden und ein klarer Trend erkennbar wird.

Gewissheit besteht hingegen darin, dass der Kampf um die besten Nachwuchskräfte bei sinkenden Absolventenzahlen und umfangreichen Neueinstellungen im Staatsdienst weiter zunehmen wird und sich juristische Arbeitgeber den Wünschen der Arbeitnehmer nicht vollends verschließen können.


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